CURRENTLY #04

© Atelier Ameisenberg

Aus der Reihe »Der verstrahlte Hügel«: Sirop de muguri de brad, Venus de Piatra N. (Sandsteinvenus) #02

Zurück im Süden Deutschlands, in Stuttgart, im Mai 2021, wo der einzige Tannenbaum in unserem Ateliergarten höher ist als all die Häuser drumherum, inklusive unseres Hauses. Die Spitzen des Tannenbaums waren reif für das Zubereiten des jährlichen Hustensirups. Als ich die Spitzen zupfte, hörte ich eine Stimme rufen, die immer lauter wurde. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es an der lauter werdenden Stimme oder meiner wachsenden Aufmerksamkeit lag. Es war die Nachbarin aus dem gegenüberliegenden Haus, ein weißes, freistehendes Haus mit drei sehr langen weißen hängenden Stoffstreifen. „Was machen Sie da, was pflücken Sie, wofür, was machen Sie damit?” Ich war überrascht. Denn ich dachte, dass die meisten Menschen in dieser Gegend mehr oder weniger stark vom anthroposophischen Gedankengut beeinflusst sind, was mich glauben ließ, dass dadurch viele einen Zugang zur Pflanzen- und Heilpflanzen Welt haben. Damit lag ich falsch. Die freudestrahlende Nachbarin hatte von dem Tannenspitzensirup nie zuvor gehört. Es war nicht so, dass ich mich ob meiner Heilpflanzen Kenntnisse der Gegend nahe gefühlt habe. Nun aber fühlte ich mich als Außenseiterin und sah mich bildlich schon fast in der Rolle der Schwester aus dem Märchen Die sechs Schwäne der Brüder Grimm, mit Kohle im Gesicht und im Versteck der Dunkelheit Brennnessel um Brennnessel pflücken. Gleichzeitig erzählte sie mir welcher Tee – gebraut aus eigenen Gänseblümchen – die Haut verschönert. Sie bat mich um ein Rezept, ich brachte ihr eine für mich außergewöhnliche Variante, mit Honig als Ersatz für den Zucker, wie sie wünschte. Als Dankeschön bekam ich Lauch aus dem eigenen Garten, frisch geerntet. In gewissem Sinne ist der Tannensirup aus dieser Begegnung entstanden, nach meinem Rezept genießt nun die Nachbarin ab und zu ihren eigenen Sirup aus eben diesen Tannenspitzen.

Înscenarea lui Venus!

Venus de Piatra Neamț

CURRENTLY #03

Zugang S-Bahn Schwabstrasse, © SOUP

PORÖSES STUTTGART

von Kurt Grunow

Der Bau des S-Bahnhofs Schwabstrasse in Stuttgart 1974 kann als signifikante Erweiterung des Bestandes an „porösen“ Strukturen im Stadtkörper angesehen werden. Dies nicht nur wegen der 1,5 km langen unterirdischen Wendeschleife, die von dem 5 km langen Hasenbergtunnel südlich des S-Bahnhofs abzweigt, sondern auch aufgrund der weitläufigen unterirdischen Räume, die beim Bau des 27m unter der Straßenoberfläche liegenden S-Bahnhofs entstanden sind. Bei der Fertigstellung des in offener Bauweise erstellten Bahnsteigbereichs wurden am südlichen Ausgang insgesamt drei übereinanderliegende Zwischengeschosse konstruiert, die wohl allein der Verfüllung der gewaltigen Baugrube wegen geschaffen wurden, denn die Räume sind von der DB nie genutzt worden. Die mittlere dieser Etagen hat eine Grundfläche von 450 qm, die beiden anderen dürften von ähnlicher Größe sein. Auch in anderen unterirdisch gelegenen Bahnhofsanlagen der Stadt gibt es solche als „Lager“ ausgewiesene Leerräume; mitunter werden sie an Gruppen oder Einzelpersonen vergeben, die darin Freizeitaktivitäten entfalten wie z.B. Rockmusik oder auch Eisenbahnmodellbau. Besonders die Modellbahner finden in diesen Kapillaren der Stadt gute Arbeitsbedingungen vor, denn umgeben vom echten Eisenbahnbetrieb lässt sich an dessen maßstabsgerechter Verkleinerung um so motivierter und leidenschaftlicher laborieren.

Einer der erstaunlichsten Aktivisten auf diesem Gebiet ist wohl der Eisenbahnangestellte Wolfgang Frey gewesen – von 1992 bis zu seinem frühen Tod 2012 erbaute er in jenem Zwischengeschoss C2 im S-Bahnhof Schwabstrasse ein Modell des Hauptbahnhofes mit allen anschließenden Gleisanlagen und Stadtgebieten bis Bad Cannstatt in der einen und dem Stuttgarter Westen in der anderen Richtung. Die Naturtreue dieser Modellanlage im Maßstab 1:160 ist derart überwältigend, dass der SWR ihr mehrere Sendebeiträge widmete, Presse und Zeitschriften ausführlich berichteten und die Anlage 2017 von der Tochter des Modellbauers nach Herrenberg verkauft wurde, wo sie heute öffentlich besichtigt werden kann. Ein zentraler Bestandteil der Anlage blieb jedoch im Zwischengeschoss zurück: eine im Maßstab 1:1 gefertigte Replik des Arbeitsplatzes von Wolfgang Frey zur Steuerung der riesigen Modellanlage nach dem Vorbild des Hauptstellwerks des Stuttgarter Bahnhofs. Begleitbüro SOUP hat ihrem Entstehungsort den Namen Festung der Einsamkeit gegeben und dort eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Gründen und Abgründen dieses Paralleluniversums angestoßen.

Wir sehen die Modellwelt des Wolfgang Frey als Nachbildung der Stadt Stuttgart in engem Zusammenhang zur Scheinanlage Brasilien . Die Frage, was man von Stuttgart alles weglassen kann, oder wie man aus Stuttgart eine sich zum Verwechseln ähnliche Stadt macht, ist vor dem Hintergrund aktueller städtebaulicher Entwicklungen längst zu einer politischen Frage geworden.

CURRENTLY #02

© Atelier Ameisenberg

Aus der Reihe »Der verstrahlte Hügel«: Sirop de muguri de brad, Venus de Piatra N. (Sandsteinvenus) #01

Ein Wald in den Karpaten, östlich von Siebenbürgen, ein Mischwald, dicht bewachsen mit zahlreichen Buchen. Wir waren maximal viermal dabei, vermutlich immer im Frühjahr, vermutlich deshalb, weil uns die Wintermonate manchmal unendlich lang vorkamen und ich das Gefühl hatte, es sei Sommer als wir dort hingewandert sind.
Der erste Teil des Weges war immer der gleiche, es ging über das Wasserwerk an der Bistritza, die im Rodna-Gebirge ihren Ursprung hat. Die Überquerung des Wasserwerkes habe ich als Abenteuer und Herausforderung empfunden, da es sehr laut, tief und gefährlich war. Wir konnten das Wasser unter unseren Füßen sehen. Vergleichbar mit Kämpfen gegen Monster, die wir auch auf dem Weg dorthin nachspielten, das Wasser war ein Drachen, der kein Feuer aber Wasser spuckte, was für uns aber viel gefährlicher als die Kraft des Feuers war. Wasser reißt alles mit sich, auch ganze Ortschaften mit ihren Häusern. Das Feuer konnte man dagegen löschen. Im Gegensatz dazu waren Überschwemmungen häufig nicht zu bekämpfen, nicht in diesem Teil der Welt.
Um die Tannenspitzen zu finden, sind wir Stunden gelaufen. Mit unseren kurzen Beinen schien es zeitlos lang, daher kamen wir uns vor wie die Zwerge aus Schneewittchen.
Angekommen an diesem Ort, weit weg von Straßen, Menschen, Tieren, Flüssen und Seen, nur nah am Himmel, fingen wir an die Spitzen zu pflücken. Ab und an versteckten wir uns, da wir Bärenkot riechen konnten. Nicht nur vor Bären sollte man sich in Acht nehmen, auch größere Wassermengen sind manches Mal zu Tal gestürzt. Einen solchen Zwischenfall gab es einmal bei einer archäologischen Grabung bei Piatra Neamt. Die riesigen Überschwemmungen, die das wissenschaftliche Team zur Unterbrechung ihrer Grabungen zwang, können im Nachhinein als günstige Fügung bezeichnet werden, brachten sie doch eine der ältesten Sandsteinfiguren ans Licht, benannt nach dem Ort, wo sie gefunden wurde, die Venus von Piatra Neamt. Ihr Alter wird auf ca. 17.000 Jahre geschätzt. Obwohl im Ort ein archäologisches Museum existierte, wurde die Skulptur 368 km entfernt, in den Süden des Landes gebracht.

Currently #01

48.7657713, 9.1633892 © Sophie Bergemann

Willkommen im digitalen Skizzenbuch

CURRENT widmet sich in seiner ersten Ausgabe dem Porösen (in) der Stadt und benennt dabei potenzielle Lücken in der Planung sowie Lücken im kollektiven Bewusstsein. Dieser Blog begleitet die Ideen, Gedanken und Skizzen aller Beteiligten und setzt sich mit Bedeutungen, Interpretationen und Assoziationen hinter dem Konzept der Porosität auseinander.

Städte sind in Bewegung. Sie verändern sich immerzu. Straßenzüge wandeln ihr Gesicht, entstehen an einer Stelle neu und werden an nächster schon wieder abgerissen. Das Urbane – Plätze, Straßen und Häuser werden intensiv gebraucht, belebt, verhandelt. Sie sind die Container unseres Alltags. Die Behauptung einer vollendeten oder gar fertigen Stadt kann sich niemals erfüllen.

CURRENT nutzt die Stadt Stuttgart als Modell zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Hier generieren großangelegte Bauprojekte Zukunftsprojektionen, versprechen Ideale und Vollendung. Lücken, Brachen, Leerstellen, das Ungeplante, Brüchige, Provisorische oder gar Ruinöse werden als Hindernisse solcher Mythen wahrgenommen, denn sie implizieren das Unfertige. Krisen erschüttern den einst geradlinig empfundenen Plan. Verunsicherung schafft Eventualitäten, die einen konstruktiven Umgang mit Unplanbarkeit erfordern und mehr denn je Zusammenhalt verlangen.

Kunst hat das Potenzial eine Lücke zu bilden, mit der neue und kritische Wahrnehmungsweisen des Vorhandenen, Alltäglichen und Selbstverständlichen erst ermöglicht werden. Die Kunst bringt gezielt neue Elemente in den Raum, indem sie sich mit ihm verbindet oder einen Konflikt hervorruft – in der Reflektion über das Alltägliche. Die Distanz zum Konkreten – das Imaginäre als Lücke – braucht es in Planungs- und Entwicklungsvorhaben von Stadt.

Dieser Blog ist das digitale Skizzenbuch, das Interpretationen und Assoziationen der beteiligten Künstler:innen und Partner:innen veröffentlicht und theoretischen, spekulativen oder wissenschaftlichen Aspekten hinter der Idee bzw. dem Konzept der „Porosität“ Raum gibt.

Das Urbane als porös zu begreifen, heißt auch, sich produktiv auf Unplanbarkeiten und Durchlässigkeiten einzulassen – auf die immerzu unfertige Stadt.

Current —
Kunst und urbaner Raum

9.–19. Sept / Stuttgart